Wolfgang-Andreas Schultz
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Gedanken zur Ästhetik
 

Wolfgang-Andreas Schultz - seine Musik und seine Ästhetik

Vielleicht wird man die Musik des 20. Jahrhunderts dereinst wahrnehmen als zerrissen zwischen zwei sich scheinbar ausschließenden Polen: Einerseits sich ganz auf den Einzelmenschen einzulassen, im Ausdruck seiner innersten Regungen, in seiner Verlassenheit und Vereinzelung, - und andererseits gibt es eine starke Sehnsucht nach einem Überpersönlichen, nach Ritualen und nach Verbindung mit den archaischen Wurzeln - unter Preisgabe des Persönlichen, Individuellen. Der Expressionismus der Schönbergschule und der Archaismus Strawinskys mögen für diese Polarität stehen.

Die Aufgabe des 21. Jahrhunderts könnte die "Re-ligio" sein: die Wiederverbindung der einzelmenschlichen Subjektivität mit der Transzendenz, des Persönlichen mit dem Überpersönlichen. Die Begegnung mit der religiösen Praxis des Ostens läßt uns die philosophischen und menschlichen Voraussetzungen dafür wiederentdecken: Sich ganz auf das Menschliche einlassen und in seinem Innern Gott suchen, - das ist der Weg einer weltzugewandten Mystik. Es gehört alles dazu, was das Herz berührt, es gehören auch die dunklen Seiten des Menschen dazu in der Hoffnung, sie transformieren zu können. Musik, die aus dieser Haltung entsteht, ist romantisch in ihrer Ausdrucksfülle und zugleich rituell insofern, als der persönliche Ausdruck aufgehoben ist in der spirituellen Sphäre. Solche Musik grenzt nicht aus, sondern versucht die Vielfalt zu einem übergeordneten Ganzen zu vereinen.

Solche Vielfalt bezieht nicht nur die gesamte Tradition der abendländischen Musik potenziell mit ein, von der Gregorianik über Dufay, Bach, Mozart bishin zu Mahler, Schönberg, Webern, Debussy, Messiaen und Ligeti, sondern auch Anregungen aus der Musik anderer Kulturen wie Indien, Japan, Tibet und den vorderen Orient. Alles was diese Musiken über den Menschen zu erzählen haben in einer verschiedene Stile und Zeiten umfassenden Musiksprache zu vereinen, das wäre eine Utopie für die Musik des 21. Jahrhunderts.

Utopien werden nie mit einem Schlag umgesetzt. Aber wichtige Stationen könnten sein: die Verbindung von Tonalität und Atonalität in einer übergeordneten Sprache in den Werken der 70er und 80 Jahre mit der Oper "Sturmnacht" als Zentrum, die Vereinigung verschiedener Stufen der Bewußtseinsevolution im kosmischen Reigen der Tanzdichtung "Shiva", die Begegnung mit persischer Musik in der Kammersymphonie "Die Sonne von Tabriz", die Charakterisierung der Personen durch Musik aus verschiedenen Kulturen in der Oper "Achill unter den Mädchen", und die Gleichzeitigkeit von ritueller, überpersönlicher und menschlich-persönlicher Zeit in den drei Symphonien "Die Stimmen von Chartres", "Die Nachtfahrt der Sonne" (für Klavier und Orchester) und "Die Passion des Lichts" (für Violine und Orchester mit Männerchor).