Wolfgang-Andreas Schultz |
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zurück zum gesamten Werkverzeichnis Die Nachtfahrt der Sonne – Symphonie für Klavier und Orchester (2. Symphonie) nach Motiven der altägyptischen Unterweltsbücher
Orchesterbesetzung: 2,2,2,2; 2,2,2,0; Hrf., Pk., 2 Schl.; Streicher (6,6,4,4,3) Zwei Stücke zugleich erklingen lassen, die Polyphonie von zwei selbständigen Schichten zu versuchen, die beide ihre eigenen Motive und ihre eigene syntaktische Gliederung haben, das war die strukturelle Grundidee des Stückes. Dafür sind zwei Gruppen nötig, die beide jeweils eine vollständige Satzstruktur darstellen können, von denen aber nur eine dirigiert werden muß: So entstand die Idee einer Symphonie für Klavier und Orchester, die darum nicht als Klavierkonzert bezeichnet wird, weil das Verhältnis von Klavier und Orchester ein ganz anderes ist als im traditionellen Konzert, und weil es nicht um die Darstellung von Virtuosität geht. Hinzutreten mußte eine inhaltliche Idee: ein und dieselbe Geschichte auf zwei Weisen zu erzählen, als Mythos und als individuelles Erleben. Den Mythos gestaltet das Orchester, das individuelle Erleben das Klavier als Instrument des romantischen Individualismus. „Die Nachtfahrt der Sonne“ erzählt auf der Ebene des Mythos die Reise des Sonnengottes durch die Unterwelt, das Totengericht des Osiris, den Kampf mit der Schlange Apophis und die Wiedergeburt als Morgensonne. Auf der persönlichen Ebene ist es die Geschichte einer Krise, der Konfrontation mit den Schichten des Unbewußten und mit dem persönlichen Schatten ( im Sinne von C.G. Jung ) bis zur Überwindung der Krise in einer Art persönlicher Neugeburt, - letztlich ist dies ja auch der psychologische Kern der ägyptischen Mysterien. Die Bilderwelt des Orchesters, angeregt durch die Unterweltsbücher und die Darstellungen in den Grabkammern im Tal der Könige, ergibt folgenden formalen Ablauf:
Im Gegensatz zur konkreten Bilderwelt des Orchesters ist der Klavierpart in seiner Entwicklung abstrakter, mehr nur reine seelische Innenwelt. Nach einer Vorbereitungsphase tritt in T. 18 das eigentliche Hauptthema auf, noch in reinem diatonischen D-dur. Nach und nach treten chromatische Themen und Motive hinzu, als Nebenzentrum etabliert sich f, und aus der Spannung dieser beiden Zentren resultieren harmonische Entwicklungsprozesse, bis sich schließlich fis als Ziel der Entwicklung herauskristallisiert. Das Klavier benutzt nur seine eigenen Themen, deren Verarbeitung relativ unabhängig vom Orchester erfolgt, - mit einer wichtigen Ausnahme: Nach dem Tiefpunkt der Krise erscheint in einer Art "Todesschlaf-Episode" wie im Traum die mythische Bilderwelt (gleichsam als Kadenz des Klaviers), bevor es zur Neugeburt kommt. Die Polyphonie der Strukturen (Klavier und Orchester) ist in diesem Werk so weit getrieben, daß jede Struktur einzeln einen Sinn, einen aus sich selbst verständlichen musikalischen Ablauf ergibt und – zumindest theoretisch – allein gespielt werden könnte. Die Gleichzeitigkeit beider Schichten führt zu einer Perspektiven-Vielfalt, für die es in der Tradition nur ganz wenige Modelle gibt (nur bei Bach und in der späten Romantik). Die Musik ist von einer Position aus komponiert, der es nicht darum geht, die traditionellen Bedeutungssysteme wie Tonalität, Taktmetrik und formale Syntax abzuschaffen, sondern sie gleichsam polyperspektivisch zu vervielfältigen. |